Kirchengemeinde der Hl. Neumärtyrerin Zarin Alexandra in Siegen.
Russische Orthodoxe Kirche im Ausland.
Deutsche Diözese.

Die Tugend der Ehrfurcht vor Gott

Die Furcht Gottes ist der Anfang jeder Art Weisheit. Nichts gibt es, was über die Furcht Gottes den Sieg davonzutragen vermöchte. Alle Leiden und Todesarten besiegt sie. Ja, gar nichts gewinnt über sie den Sieg, weil sie mit großer Kraft gegürtet ist. Die Furcht gleicht der Liebe, die Liebe gleicht der Erbarmung, und diese drei Tugenden bilden eine Wohnung für Gott.

Hl. Ephräm der Syrer

(Gottesfurcht wird nicht als Furcht im Sinne des Schreckens oder ängstlichen Eingeschüchtertseins verstanden- Die Gottesfurcht bezeichnet die rechte Haltung der Gottheit und seinem Willen gegenüber)

Wer sich vor dem Herrn fürchtet, ist über jede andere Furcht erhaben und läßt alle Schrecknisse der Welt weit hinter sich zurück. Fern ist er von aller Furcht, keine Angst naht ihm jemals, wenn er sich vor Gott fürchtet und alle seine Gebote beobachtet. Weder vor den Schrecknissen der Welt, noch vor den Furchterregungen seitens des Teufels fürchtet oder ängstigt sich, wer Gott fürchtet. Vor dem, der sich vor dem Herrn fürchtet, fürchtet sich Satan, und seine Heere erbeben vor dem, der die Gebote hält. Der Tod fürchtet sich, jenem zu nahen, der sich vor Gott fürchtet, und bevor es ihm nicht geboten wird, kommt er nicht, seine Seele von seinem Leibe zu trennen.

Wer nämlich Gott fürchtet, vor dem fürchten sich auch die Geschöpfe, und wenn er die Gebote Gottes hält, dann halten sie sein Gebot. Himmel und Erde, Meer und Licht und alles darin gehorchen jenem, der die Furcht Gottes in seinem ganzen Herzen trägt.  Wenn die Gottesfurcht in einer Seele herrschend wird, macht sie mit sich auch die Demut herrschen. Dann läßt sich Gott herab und nimmt in der Seele seine Wohnung, bleibt in ihr, weilt in ihr, ist sozusagen ihr Hüter und vertreibt aus ihr alle Schrecknisse. Weder Wasser noch Feuer, weder Tiere noch ganze Völker: nichts gibt es, was jenen, die Gott fürchten, Furcht einflößen würde. Die Märtyrer fürchteten sich nicht vor dem Feuer und bebten nicht vor seiner Glut zurück. Weder Leiden noch Drangsale, weder Schwerter noch Sägen erschreckten sie.

Nur weil wir die Furcht Gottes verlassen haben, fürchten wir uns vor den Tieren, die unserem Joche unterworfen sind, vor den Tieren, die unser Schöpfer uns vom Anfang an unterjocht und gegeben hat, nicht damit wir uns vor ihnen fürchten, sondern dass sie vor uns erbeben, „Furcht und Schrecken vor euch befalle die ganze Schöpfung!“ (Gen. 9,2.)

Weil wir uns vor Gott nicht fürchten, daher kommt es, daß wir uns vor den Tieren fürchten, und weil wir seine Gebote nicht beobachten, darum jagen uns sogar Käfer Schrecken ein. Aus Furcht fliehen wir häßliches und abscheuliches Gewürm, das wir mit Füßen zu treten geheißen sind, und erschaudern davor voll Schrecken.

Wer sich vor Gott fürchtet, für den ist es unmöglich, eine Sünde zu begehen, und wenn er seine Gebote beobachtet, dann ist er fern von allem Bösen. Wer Sünde tut, von dem ist Gott fern, und daher erfüllt ihn der Böse mit Furcht, und er lebt nur mehr in Angst.

Wer die Gottesfurcht nicht in sich hat, kann durch die Angriffe des Teufels leicht gefangen werden. Wer die Furcht Gottes nicht bei sich hat, ist leichtfertig, gleichgültig, schläft sorglos dahin, verfährt nachlässig bei seinen Arbeiten, wird ein Sammelplatz für die sinnlichen Gelüste. An Allem, was immer Vergnügen macht, erfreut er sich; denn er fürchtet sich nicht vor der Erscheinung des Herrn. Er schwelgt in Befriedigung der Leidenschaften, findet nur an Ergötzungen Freude, flieht das Unangenehme, verabscheut die Demütigung, liebt den Hochmut.

Weil wir die Furcht Gottes des Allerhöchsten verlassen haben, ist die Sünde mit ihren Schrecknissen eingedrungen und verursacht Zittern und Beben. Wer Sünde verübt, von dem fordert sie Furcht, daß er sich vor ihr scheue und die Sünde zu verbergen suche, weil sie ein tödliches Gift ist. Die Sünde bringt Furcht mit sich, so daß man sie nur heimlich zu begehen wagt; denn sie will sich nicht offenbaren, weil sie häßlich und verderblich ist.

Wenn nun schon das heimliche Begehen der Sünde solche Angst verursacht, welches Entsetzen wird sie erst bewirken, wenn sie ans Tageslicht kommt? Wenn die Sünde schon hier demjenigen, der sie begeht, Furcht einjagt, wie groß wird erst die Furcht sein, die sie ihm verursachen wird, wenn er vor dem Richter stehen wird?

Der König sitzt auf feurigem Trone, von einem Feuermeer umgeben, und ein Feuerstrom ergießt sich von ihm aus, um alle Welten zu prüfen. Sein Feuer hat er den Menschenkindern mitgeteilt, damit sie nicht von jenem Feuer verbrannt würden, wenn er die Schöpfung in Flammen setzt und sie wie in einem Ofen prüft. Wenn sein Feuer [der Liebe] treu bewahrt und nicht durch Sünden ausgelöscht wird, so werden jene, die es bewahrt haben, aus jenem fürchterlichen Brande gerettet; wird es aber durch die Sünde ausgelöscht und nicht durch Heiligkeit bewahrt, so werden sie [die es nicht bewahrten,] zur Stoppel für jenes Feuer, durch dessen Gewalt die Welt verbrennt.

Schrecken ergreift den Tod, und er speit seine ganze Beute aus, die er verschlungen, so daß er keinen Toten an seinem Platze läßt, den er nicht zum Gerichte brächte. Der Staub der Erde wird aufgefordert, den Staub der Toten abzusondern, daß ja kein Stäubchen übrig bleibt, das nicht vor den Richter käme.
Die im Meere Ertrunkenen, von wilden Tieren Verschlungenen, von Vögeln Zerrissenen, vom Feuer Verbrannten werden durch einen strengen und schnellen Wink erweckt, stehen auf und kommen. Der im Mutterleibe zugrunde ging, ohne in dieses Leben eingetreten zu sein, wird durch jenen Wink, der den Toten das Leben wiedergibt, als erwachsener Mensch herausgeführt.

Das Kind, das im Schoße der Mutter während der Schwangerschaft zugleich mit ihr starb, ist bei der Auferstehung vollkommen entwickelt, erkennt seine Mutter und wird von ihr erkannt. Die hinieden einander nie gesehen haben, sehen sich dort; sie weiß, daß dieses Kind ihr Sohn ist, und dieser erkennt sie als seine Mutter.

Die Auferstehung gebiert den Menschen vollkommen und gibt ihm vollkommene Kenntnis. Wen die Sünde nicht blind machte, der weiß alles wie Gott. Was immer auf Erden und im Himmel ist, schaut er mit jener genauen Kenntnis, der nichts entgeht.

Der Ehebrecherin, die ihre Leibesfrucht vernichtete, auf daß sie nicht diese Welt sähe, verwehrt ihr Kind den Anblick jener neuen Welt. Weil sie ihr Kind in ihrem Leibe zur Fehlgeburt machte, damit es im Dunkel der Erde vergraben würde, darum macht es auch sie zur Fehlgeburt, so daß sie in die äußerste Finsternis wandern muß. Dies ist die Vergeltung der Ehebrecher und der Ehebrecherinnen, die ihren Kindern das Leben nehmen. Sie werden vom Richter mit dem Tode bestraft und in die Grube des Elends, voll des Kotes der Verwesung, geworfen.

In Gleichheit erweckt der Schöpfer gleichzeitig die Kinder Adams; gleich, wie er sie erschuf, macht er sie auch auferstehen. Bei der Auferstehung gibt es keinen großen und keinen, der kleiner wäre als der andere; der zu früh Geborene ist genauso, wie der Erwachsene. Nur den Werken und Sitten nach gibt es Hohe und Erhabene. Die einen gleichen den Sternen, die anderen dagegen der Finsternis.

Wer sündigte und Gott beleidigte und auf Erden seine Schandtaten verheimlichte, zieht hinaus in jene äußerste Finsternis, in der kein Licht ist. Wer in seinem Herzen Trug und in seinem Sinne Neid verborgen hielt, den bedeckt die furchtbare Tiefe voll Feuer und Schwefel. Wer sich dem Zorne ergab und die Liebe von sich verbannte, so daß er seinen Nebenmenschen haßte, wird den Engeln des Zornes preisgegeben, damit ihm durch den Zorn den Teufel seine Qual werde.

Wer dem Hungrigen sein Brot nicht brach und den Bedrängten nicht erquickte, schreit vor Drangsal, niemand aber hört und erquickt ihn.

Wer in seinem Reichtum üppig und prächtig lebte und den Notleidenden seine Pforte nicht öffnete, bittet in seinen Flammen um ein Tröpflein Wasser, allein niemand reicht es ihm.
Wer seinen Mund mit Lästerung und seine Zunge mit Schmähreden besudelte, versinkt in stinkenden Kot, so daß sein Mund verschlossen wird und kein Wort mehr hervorbringen kann.

Wer andere beraubte und bedrückte und sein Haus mit ungerechtem Gute anfüllte, den reißen die verfluchten Teufel an sich, und Seufzen und Zähneknirschen warten seiner.

Wer von der schändlichen Lust der Unkeuschheit und Ehebrecherei brannte, brennt ohne Ende mit dem Satan in der Hölle. Wer das Verbot der Priester übertrat und Gott verächtlich mit Füßen trat, dessen Qual ist die größte und die schrecklichste aller Qualen.

Wer den Herrn fürchtet befindet sich fern von jeder Tücke des Feindes und entgeht jeder Nachstellung des Widersachers. Wer im Besitze der Gottesfurcht ist, überwindet leicht die Anschläge des Gegners; denn dieser macht ihn durch Nichts zum Gefangenen. Wegen dieser Furcht Gottes nämlich läßt er keine Lust des Fleisches zu.

Der Gottesfürchtige schweift nicht leichtsinnig da- und dorthin aus; denn er ist immer in Erwartung, sein Herr möchte plötzlich kommen und ihn im Zustande der Untätigkeit antreffen und ihn ausscheiden. Wer die Furcht Gottes besitzt, ist nicht sorglos; denn er ist allezeit wachsam. Der Gottesfürchtige überläßt sich nicht unmäßigem Schlafe; denn er bleibt wach und harret auf die Ankunft seines Herrn.

Der Gottesfürchtige ist nicht gleichgültig, damit er seinen Herrn nicht beleidige. Der Gottesfürchtige ist nicht fahrlässig; denn er sorgt immer für seinen Besitz (der Gnade), damit er nicht verdammt werde. Der Gottesfürchtige prüft immer, was seinem Herrn wohlgefällig sein möchte, und bereitet sich Dieß zu tun, damit sein Herr, wenn er kommt, ihn in Vielem loben könne. Viel Gutes also verursacht die Furcht des Herrn ihren Besitzern.

Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott! Als den Gerechten kennen wir Dich; sei uns, Herr, Gerechtigkeit! Als den Erlöser kennen wir Dich; erlöse und errette uns vom Bösen! Als den Heiligen preisen wir Dich; möchten wir doch durch Dein Fleisch und Dein Blut geheiligt werden! O Gütiger, von den Erlösten ertöne Dir Preis, und über uns komme Deine Erbarmung!

Fragmente aus “Auswahl ascetischer Abhandlungen über die christliche Tugend und Vollkommenheit” und “Rede über die Gottesfurcht und den jüngsten Tag”, Ephräm d. Syrer († 373)

 

Text: Bliothek der Kirchenväter

Quelle: Webseite der Kathedrale der Hll. Neumärtyrer und Bekenner Russlands in München.

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